Polizeidesaster– Politikversagen – Ekelmedien: 25 Jahre Gladbecker Geiseldrama

 

Am Wochenanfang habe ich im “Focus” den Bericht und das Interview mit Ines Voitle, die überlebende Geisel, gelesen. Es gab eine kurze Doku in der “Aktuellen Stunde” zum Thema und die Berichterstattung über die mögliche Freilassung des grenzdebilen Mörders Degowski. Und die gallige Erinnerung an eines der widerlichsten Geschehnisse, die je in der BRD passierten, kamen wieder hoch.

Interessanter Weise hat meine Tochter (17) den Artikel gelesen und die Berichte im TV mit Interesse verfolgt – und sich empört über das, was damals geschehen ist. Über das, was man damals in etwa Gleichaltrigen angetan hat, wie man mit den Geiseln umging, wie die Polizei versagt hat und wie sich die Medien verhalten haben. Unglauben, als ich ihr sagte, dass ein Journalist den Geiselgangstern sogar den Weg aus Köln gezeigt hat. Wir haben lange diskutiert.

Was zeigt, wie dieses Ereignis nachwirkt.

Ich habe damals die Berichterstattung mit Faszination und Ekel verfolgt. Man konnte sich dem kaum entziehen. Verwunderung, dass Reporter mit den Geiselnehmer in der Bank telefonieren konnten. Dass einer wie Frank Plasberg ein Live-Interview führen konnte. Wie man erfuhr, dass die Gangster auf der Flucht noch die Lebensgefährtin von Rösner abgeholt haben. Wie man nicht in der Lage war, die Verbrecher zu stoppen. Dass Journalisten sich für die Geiseln austauschen ließen. Und dann der Linienbus in Bremen gekapert wurde. Wieso konnten Journalisten in den Bus um Fotos zu machen? Warum konnten die Geiselnehmer mit dem Bus in die Niederlande flüchten? Wieso war kein Krankenwagen in der Nähe als Degowski den jungen Italiener erschossen hat? Und dann die widerlichste aller Szenen: Der von den Niederländern zur Verfügung gestellte Flucht-BMW mit den drei Geiselgangstern und den Geiseln Ines Voitle und Silke Bischoff mitten in Köln – umlagert von einer Meute Reportern, TV-Kameras. Unglaublich. Ich werde nie, in Ewigkeit nicht, den Gesichtsausdruck von Silke Bischoff vergessen, die Waffe von Degowski, der sie auch noch in die Polster drückte, am Hals. Und sie gefragt wurde, wie es ihr ginge. Und sie mit diesem panischen, angsterfüllten Gesichtsausdruck antwortete: Gut.

Ein paar Stunden später war sie tot. Und der Rest der Wagenbesatzung schwer verletzt – wegen einer mehr als dilettantischen Befreiungsaktion auf der Autobahn.

Wie traumatisiert die Geiseln immer noch sind zeigt sich an den Aussagen von Ines Voitle im “Focus” – dem  Blatt, dass damals noch nicht existierte – und die kurze Erwähnung, was mit der Schwester des jungen Italieners passiert ist, die ja mit ansehen musste, wie ihr Bruder erschossen wurde. Und dass man nichts, aber rein gar nichts für die Geiseln getan hat.

Wie mag es den Angestellten der Bank ergangen sein? Den Geiseln aus dem Bus? Den Angehörigen des verunglückten holländischen Polizisten? Scheint nicht von Interesse sein. Rösner und Degowski stehen immer noch im Vordergrund der Berichterstattung. Und die Empörung darüber, dass Degowski wohl auf seine Freilassung vorbereitet werden soll. Rösner heiraten will. Und vielleicht auch in einigen Jahren Frei kommt.

Sicher: Die Polizei war mit der Situation völlig überfordert. Ebenso die politischen Entscheidungsträger. Was am meisten anwiderte, jedenfalls mich, war die Rolle der Medien. Die wird auch gerne bei Dokus über dieses Ereignis so nebenher erwähnt. Konzentriert wird sich auf das Versagen der Sicherheitskräfte.

Heute, am 16.08.2013, 25 Jahre nach dem Ereignis, gibt es eine Dokumentation auf dem WDR. Zur Zuschauerfreundlichen Zeit um 23:15 Uhr. Da schaut man bestimmt gerne zu.

 

Gladbecker Geiseldrama: 54 Stunden Staatsversagen – Inland – FAZ

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